Crowdfunding – Fluch oder Segen?

Crowdfunding – Fluch oder Segen?

Crowdfunding – Fluch oder Segen?

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Crowdfunding – Fluch oder Segen

Hallo liebe Leute zu einer weiteren Episode von „Oh nein der Typ mit den langen Texten hat wieder was zum Schreiben gefunden“ mit mir, dem Typ mit den langen Texten!

Okay genügend rumgealbert, zumindest für den Anfang. Heute möchte ich euch gerne meine Gedanken zum Thema Crowdfunding näher bringen. Nicht, dass das Kickstarter und Co. schon so oft hochgelobt und verteufelt wurden, dass es schon langsam kriminell wird, darüber zu schreiben. Trotzdem wage ich mich an das heiße Thema, da gerade wir PS Vita-Spieler häufig mit dem Thema zusammenstoßen. Hyper Light Drifter und Moon Hunters sind zwei der aktuelleren Beispiele. Bevor ich aber groß etwas zu unserer Rolle in der Welt des Crowdfundings verliere, sollten wir einen Blick auf das System dahinter werfen.

Von der Masse für die Masse

Für sich alleine genommen ist Crowdfunding ein sehr schönes System. Menschen mit Ideen können sich Geld besorgen, um eine Idee oder einen Traum zu erfüllen. Im Gegenzug werden die Unterstützer, auch „Backer“ genannt, belohnt. Bereits hier unterscheiden sich verschiedene Crowdfunding-Typen. Ich könnte euch jetzt jeden einzelnen Typen erklären oder es sein lassen. In aller Kürze: Alle Typen differenzieren sich anhand ihrer Belohnungen. Die typischen sind auf einem „Reward-System“ basiert, die verschiedene Sachen für Finanzierungen versprechen. Andere geben euch gar keine Belohnungen oder sind auf Renditen ausgelegt. Alle Projekte funktionieren nach einem einfachen Grundschema. Der Projektleiter startet einen Aufruf auf der Crowdfunding-Seite seiner Wahl und benennt eine Summe, die er erreichen möchte. Die erste Schwierigkeit ist die richtige Höhe der Summe zu wählen, weil neben der Gebühr (5% bei kickstarter.com) auch zwei extreme Gefahren drohen. Eine Unterfinanzierung bei zu niedrigem Betrag, wird einen erfolgreichen und zufriedenstellenden Abschluss des Projekts verhindern und ein zu hoch angesetztes Finanzierungsziel bringt gar kein Geld ein. Nur eine erfolgreiche Finanzierung führt zu einer Auszahlung des Betrages. Nach Beginn der Kampagne müssen die Werbetrommeln gerührt werden. Nach Ablauf der Frist ist das Ziel erreicht oder nicht und die Kampagne scheitert an fehlendem Geld oder gilt als erfolgreich finanziert, wenn der Mindestbetrag erreicht wird.

Crowdfunding ist kein einfaches Geschäft. Die Abwicklung wirkt zwar so, aber dahinter stecken deutlich komplexere Mechanismen. Im Regelfall ist die Ausgangsituation wie folgt: Entwickler hat eine Idee für ein Spiel oder irgendein anderes Produkt, ihm fehlen aber die finanziellen Mittel es umzusetzen. Jetzt wendet er sich indirekt an euch – ich ignoriere mal das System der einzelnen Mittelsmänner wie kickstarter.com usw. Im Normalfall kauft ihr ein fertiges Projekt, welches entwickelt, programmiert und veröffentlicht wurde. Hier investiert ihr in ein Projekt, das noch nicht abgeschlossen ist. Eine Investition ist eine Anlage in einen bestimmten Wert. Das Ziel ist es am Ende eine gewisse Form von Rendite zu bekommen. Im Crowdfunding-Fall ist es regelmäßig der Mehrwert zwischen der investierten Summe und dem Preis der finalen Güter und Belohnungen. Ihr seid damit weder ein normaler Käufer, noch ein normaler Investor. Die Risikoverteilung in einem solchen Fall ist sehr klar geregelt:

  • Vor der Finanzierung: Trägt der Projektersteller das Gesamtrisiko. Er hat das Geld nicht und trägt die Gefahr des Scheiterns
  • Nach der Finanzierung des Projekts: Teilt sich das Risiko des Scheiterns zwischen den Backern (euch) und dem Projektersteller. Das Geld hat er, es wurde „erfolgreich“ von euch investiert.

Gerade bei Moon Hunters und Mighty No.9  hat man erneut gesehen was ein Scheitern bedeutet. Die Backer sind enttäuscht und versuchen ihrer Frustration Ausdruck zu verleihen. Leider gibt es dabei immer wieder Menschen die bestimmte Grenzen überschreiten, aber wenn ich Lust habe mich über die Gepflogenheiten im Umgang mit Menschen auszulassen, erfahrt ihr es als erstes.

Das Wichtigste ist es, „gescheiterte“ Projekte niemals über einen Kamm zu scheren, es bedarf eher einer Analyse des Scheiterns. Das Beispiel Moon Hunters ist da am ansehnlichsten, weil es zeitlich noch frisch ist. Kitfox Games hat einen der gefährlichsten Fehler gemacht, die ein Entwickler machen kann. Bei der Entwicklung von Spielen für mehrere Plattformen ist immer die Version am wichtigsten, die die schlechtesten Voraussetzungen, meist Hardware, mit sich bringt. Alle anderen Versionen können noch nachher nachbearbeitet werden, aber das schwächste Kettenglied ist immer zentral für so etwas. Das hat Kitfox Games nicht geschafft, weil sie ihre Prioritäten falsch gesetzt haben. Das ist ein klares Problem, welches Kitfox Games alleine zu verantworten hat und deren logische Konsequenz ein Vertrauensverlust ist. Vertrauen ist auch die wichtigste Ressource, die Crowdfunding-Projekte haben und wenn ein Projekt mehr verspricht als es halten kann, ist es immer ein erheblicher Vertrauensverlust, der nur schwer jemals auszugleichen sein wird.

Ein kurzer Einschub an dieser Stelle: Das Versprechen von Inhalten, die dann nicht erfüllt werden können, fallen niemals per se unter den Tatbestand des Betrugs. Es bedarf immer bestimmter anderer Voraussetzungen und insbesondere des Vorsatzes, einem „bösartigen Willen oder Wissen“ des Täters. Mal abgesehen von der Nachweisbarkeit in fast allen Fällen, ist das auch ein sehr starker Vorwurf, den niemand leichtfertig in den Mund nehmen sollte.

Das soll aber zum System von Crowdfunding reichen. Das sind nur fundamentale Punkte, die ihr kennen solltet. Das Ganze ist aber deutlich tiefer und komplizierter als dieser kurze Einblick.

Licht am Ende des Tunnels

Was bedeutet nun die gesamte Geschichte rund um Crowdfunding für uns PS Vita-Spieler? Ich muss hier ja wohl niemandem die ziemlich holprige Geschichte der Konsole erklären, insbesondere Sonys nichtvorhandene Rolle darin. Konsequenter Support von AAA-Publishern ist relativ gering, wobei Koei Tecmo, Atlus, NISA, Bandai Namco und kiloweise andere Publisher die Fahne gut und gerne hochhalten. Über Crowdfunding hoffen dann viele Spieler neue Spiele und interessante Ideen zu uns zu bringen. Das gelingt immer mal wieder und scheitert immer mal wieder.

Die Umsetzung auf der PS Vita ist definitiv schwierig. Die primäre Entwicklung von Spielen findet am PC statt und erst im späteren Verlauf wird auf der PS Vita gearbeitet. Wie anspruchsvoll solche Arbeiten sind, erkennt man sehr gut an Kampagnen wie Bloodstained: Ritual of the Night oder Strength of the Sword Ultimate – von denen übrigens keins gescheitert ist. Gerade IGA und die Leute von Ivent Games zeigen gerne etwas von der Arbeit, die hinter einem solchen Projekt stehen. IGA ist dabei etwas ernster als Ivent Games, deutlich ernster. Die Gründe fürs Scheitern sind so vielschichtig, dass eine Aufzählung sehr langwierig wäre. Essentiell kann man sie aber auf folgende Faktoren herunter brechen:

  • Fehlende Kenntnisse über die Arbeit mit und auf der PS Vita
  • mangelnde Finanzierung
  • Selbstüberschätzung
  • und falsche Versprechungen

Gerade der erste und der zweite Punkt sind nachvollziehbar und haben auch die Entwickler von Read Only Memories erwischt. Die Qualität und die Vertrauenswürdigkeit eines Entwicklers sieht man aber erst an dem Umgang mit einem solchen Problem. Die PS Vita-Version von ROM wurde nicht gestrichen, sondern nach hinten verlegt. Solche Chancen muss man auch als PS Vita-Spieler jedem Entwickler mit wenig Handheld-Erfahrung geben. Sollten sie selbst dazu nicht in der Lage sein, können sie auch auf bekannte Portexperten wie Abstraction Games, Blit Works oder Curve Digital zurückgreifen. Auch eine fehlende Finanzierung wird bei einem guten Entwickler nicht zum sofortigen Streichen führen – eigentlich sollte es hierzu nie kommen, aber für den Sinn der Argumentation müssen solche Fehler zulässig sein – vielmehr muss der Entwickler kreativ werden und z.B. die PS Vita-Version etwas nach hinten verschieben, um weitere Mittel durch den beginnenden Verkauf anderer Versionen zu gewinnen. Sollte die Umsetzung selbst nach all der zusätzlichen Arbeit nicht möglich sein, so ist das Streichen die letzte Option. Man sollte dann aber früh genug mit dem Testen der Umsetzung beginnen, um allen treuen PS Vita-Fans eine böse Überraschung zu ersparen.

Die letzten beiden Punkte der Fehlerquellen sind dagegen wenig nachvollziehbar. Wir als Spieler und Investoren müssen aber aufpassen, dass wir nicht jedes gescheiterte Projekt und jeden Entwickler hier abladen, sondern genau den Umgang mit den Investoren und der Öffentlichkeit beobachten. Ich rate euch daher auch davon ab, z.B. im Fall Moon Hunters nur die Aussagen einer Newsseite als Wahrheit zu akzeptieren. Eine vertrauenswürdige Seite wird entweder auf das Statement mit Link verweisen oder es komplett abbilden. Eine Bewertung in solchen News ist immer mit Vorsicht zu genießen, weil der Schreiber auch nur ein Mensch ist. Die wichtigsten Elemente bei solchen Arbeiten ist die Kommunikation mit den Backern. Im besten Fall werden sie identisch zu Investoren behandelt und bekommen solche Informationen schon früh. Das macht Entscheidungen auch deutlich leichter nachvollziehbar. Bei Moon Hunters ist der Schritt in die Öffentlichkeit zu spät geschehen. Die PS Vita-Version war so gut wie am Ende, bevor die Backer informiert wurden.

Ein Blick in die Kristallkugel

Crowdfunding wird weiterhin ein sehr wichtiges Element der Projektfinanzierung bleiben. Aber die Vielzahl der gescheiterten Umsetzung für unsere PS Vita-Versionen wird auf kurz oder lang eine Folge haben: Das Vertrauen in die Entwickler wird schwinden. Die Projektersteller, die ein ernsthaftes Interesse an der Umsetzung auf der PS Vita haben, werden mehr und mehr Probleme bekommen, ihr Finanzierungsziel zu erreichen. Das ist schade, aber mehr als verständlich. Ich erwische mich selbst dabei mittlerweile an der Umsetzung zu zweifeln. Der Trend, dass große Publisher mit in das Crowdfunding einsteigen, wird aber beibehalten werden. Denn mit sinkendem Vertrauen in unbekannte Hersteller, werden die größeren Studios ihre Chance sehen, Medien wie kickstarter als Marktforschungsquelle und zusätzliche Finanzierungsoption zu nutzen. Das kann auch uns PS Vita-Spielern helfen, weil die Aussicht auf eine PS Vita-Version bisher viele Spieler motivieren kann.

Vielen Dank, dass ihr einmal mehr meinen meistens langwierigen Gedankengängen gefolgt seid. Viel Spaß und bis zum nächsten Mal!

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2 Kommentare auf "Crowdfunding – Fluch oder Segen?"

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Gast

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Lars
Webmaster
Vielen Dank für diesen umfassenden Einblick ins Crowdfunding. Oft ist es einem gar nicht bewusst, was für eine Besonderheit diese Art der Finanzierung ist. Hinsichtlich des Vertrauensverlustes kann ich dir nur zustimmen. Es fehlt den Leuten zum Ankündigungszeitpunkt elementare Informationen, die eine relationale Entscheidung FÜR die PS Vita unmöglich machen. Was dann dabei herauskommt sieht man bei Moon Hunters und Hyper Light Drifter. Bei solchen negativen Erfahrungen fällt es jedoch schwer, als PS Vita Besitzer und Unterstützer weitere Projekte zu finanzieren. Oft gibt es keine Informationen, wie die Entwickler mit dieser Konsole bereits gearbeitet haben; die PS Vita und ihre… Read more »
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